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Rund um den Globus

Ein Land und sein

Whiskey

Irland ist urig und hübsch – auch ohne Retusche. Rasch kommen reisende mit den freundlichen, manchmal ein wenig melancholischen einheimischen ins Gespräch. Und ihr Whiskey ist immer ein passender, rau-sanfter Begleiter.

Shane Brady sitzt da, wo er sich am wohlsten fühlt. In seinem tiefen, ledernen Club-Sessel. Das Kaminfeuer lodert und er trinkt einen Whiskey. Einen Single Malt, einen reinen, nicht ver- oder gemischten Whiskey. «Ist das nicht ein wunderbarer Tag», beginnt er das Gespräch. Sicherlich, am Kamin ist es wohlig, aber draussen? Da pfeift der Wind und peitscht der Regen. Shane Brady wartet nicht auf eine Antwort: «Egal ob es draussen stürmt oder hagelt, es ist immer wunderbar. Irland ist die schönste Insel und wir haben kein schlechtes Wetter, nur manche Leute halt die falsche Kleidung.» Der Herr im Tweed hat gut reden in seinem Sessel in der Kathleen’s Bar zu Schloss Bunratty, nur wenige Kilometer von Shannon entfernt. Der Pensionär und Whiskey-Liebhaber schätzt es, zweimal pro Woche alleine auszugehen. Einmal auf ein Guinness ins Irish Pub Durty Nellies. Und einmal auf einen immer ganz besonderen Whiskey ins Bunratty Castle. «Ich gehe allein, weil ich dann immer Leute zum Fachsimpeln treffe», sagt er, nippt an seinem Glas und scheint sehr zufrieden zu sein; mit sich, der Welt, dem Whiskey, sogar mit dem Wetter. Shane Brady trinkt an diesem Tag einen Knappogue Castle, Single Malt, zwölf Jahre alt, einer der seltensten Whiskey-Sorten Irlands. Namensgeber ist ein altes Schloss, zehn Kilometer nördlich von Shannon. Dort, wo die Städtchen noch bunt leuchten, auch wenn die Sonne nicht scheint, und wo der Frieden der sattgrünen Landschaften in der Umgebung sich auf die Gelassenheit der Menschen überträgt. Schafe weiden, reetgedeckte Cottages geben eine perfekte Szene ab, Burgruinen zeigen stolz ihre Reste. «Whiskey», sagt Shane Brady, «Whiskey ist ja leider nicht geschützt wie Cognac oder Grappa.

Also macht jetzt jeder einen auf Whiskey. Ist das nicht schrecklich?» Der Mann wird sich doch nicht den wunderbaren Tag verderben lassen? Nicht doch! Er lacht schon wieder und erzählt eine Geschichte: «Vor zwei oder drei Jahren gewann eine Brennerei aus Bayern die Goldmedaille unter den Singe Malts und ihr Chef sagte bei der Preisverleihung: ‹Unser Whiskey kommt Ihnen wahrscheinlich so vor, wie wenn einer den Koran im Vatikan vorstellt…› – na, der hatte ja wenigstens Humor!» Was die Frage aufwirft, was Whiskey streng genommen denn eigentlich ist. Natürlich hat die Europäische Union – und Irland ist ja im Gegensatz zu Nordirland nicht vom Brexit betroffen – eine Defi nition dafür: Whiskey wird durch das Destillieren von Getreidemalzmaische gewonnen, hat einen Alkoholgehalt ab 40 Volumenprozent und muss mindestens drei Jahre in Holzfässern reifen. Das Getreide kann Gerste, Hafer, Roggen oder sogar Mais sein. Und jeder Whiskey – das hat jetzt nichts mehr mit der EU zu tun – schmeckt anders, was hauptsächlich am Fass liegt, in dem er lagert. Alleine in Irland gibt es fast hundert verschiedene Whiskey-Sorten, aber alle kleinen Destillerien sind inzwischen an Grosskonzerne verkauft worden. Cooley war 2012 die letzte kleine Destillerie, die unter ein grösseres Dach schlüpfte. Die Iren nehmen das zur Kenntnis und trinken dennoch ihren irischen Whiskey, selbst wenn der Besitzer den Firmensitz in Kentucky, USA, hat.

Ein Land im Glas

So, wie der Wind weht, wird in Shannon geredet, pausenlos, mit Leichtigkeit und langem Atem: über Fussball und Brexit, Guinness, Whiskey, Gott und die Welt. Verfl ogen ist die Zeit düsterer Ärmlichkeit. Das Irland von heute ist dynamisch, hochtechnisiert und modern. Doch beim Whiskey wird die Tradition hoch gehalten, amerikanische Besitzer hin oder her. «Sláinte!», sagt Shane Brady. Das heisst auf Gälisch «Prost» und wird wie «Slontschi» gesprochen.

600 Fässer à 225 Liter liegen in Reih und Glied. Wert: knapp drei Millionen Franken. Inhalt: Whiskey. Die Connemara Distillery liegt oben im Norden Irlands, dort wo Heide wächst und sich die Moore nicht einmal von Natursteinmauern begrenzen lassen, wie sonst die Wiesen im ganzen Land. Kein Wunder, dass der Connemara Single Malt der einzige Whiskey Irlands ist, bei dem man den Torf richtig rausschmecken kann. Er ist auch einer der ganz wenigen echt rauchigen irischen Single Malts. Und dennoch ist der Connemara auch seidigweich und sogar ein wenig honigsüss. «Wie unser Land», sagt Paddy O’Sullivan, der eine kleine Gruppe durch die Destillerie führt. «In unseren Kupferkesseln machen wir besten Whiskey. Aber bis er golden in der Flasche schimmert, muss er zahlreiche Schritte durchlaufen.» Und das Endprodukt schreibe man bitte gefälligst mit «e», denn «für alle zum Mitschreiben: Whiskey mit ‹e› kommt aus Irland. Whisky ohne ‹e› aus Schottland. Und der Schotte ist ja auch irgendwie ‹ohne›…» Das Wort «Geschmack» verkneift sich Paddy gerade noch. Nur dumm, dass ausgerechnet die Schotten von sich behaupten, den Whisk(e)y erfunden zu haben: Schottland reklamiert für sich die erste schriftliche Nennung von Whisky aus dem Jahr 1494. Irland dagegen besitzt nachweislich die älteste lizenzierte Brennerei, die Bushmills. König James I. erteilte 1608 die Lizenz zum Destillieren von Whiskey.

Handwarm zu geniessen

Keiner ist so frisch und hell, weich, ja fast sahnig wie der Bushmills Single Malt. Seine US-Besitzer verdienen ihr Geld aber hauptsächlich mit Jim Beam, diesem amerikanischen blended Whiskey, den man besser on the rocks bestellt. Dabei sollte man Whiskey doch handwarm bei Zimmertemperatur trinken (und niemals in den Kühlschrank stellen!). Genau so, wie es Shane Brady macht: im tiefen, ledernen Club-Sessel sitzen, das Kaminfeuer lodern sehen und dann einen Whiskey trinken. Oder besser gesagt: einen Single Malt Whiskey geniessen. Dann kann es draussen auch Katzen und Hunde hageln. Wie sagte einst Humphrey Bogart? «Man muss dem Leben immer um mindestens einen Whiskey voraus sein.» JMÜ

Die Sache mit dem «e»
Whiskey mit «e» geschrieben kommt aus Irland. Whisky ohne «e» aus Schottland.

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Direktflug nach Shannon

Vom 23. Juni bis am 11. August fliegt Helvetic Airways jeweils am Samstag direkt von Zürich nach Shannon. Die Stadt an der Westküste ist ein perfekter Ausgangsort, um den Süden und die Westküste Irlands mit einem Mietwagen zu entdecken. Ein guter Routenvorschlag, der die Highlights der Region wie die Cliffs of Moher, den Ring of Kerry oder die Beara-Halbinsel verbindet, bietet die Mietwagen-Rundreise «Best of Southwest» von Travelhouse. Für die acht Übernachtungen werden hübsche Unterkünfte vorgeschlagen.

> Meitwagen-Rundreise «Best of Southwest»

GLOBUS-FOODSCOUT Richard Kägi empfiehlt

Irland wird kulinarisch oft unterschätzt. Noch immer haftet dem Land der Ruf an, fade, schwere Gerichte zu servieren. Dabei hat sich in den vergangenen Jahren in den Küchen der Insel viel getan. Junge, ambitionierte Köche haben Klassiker wie Stew oder Black Pudding verfeinert und neu interpretiert, und kreative Köpfe in kleinen Manufakturen stellen aus hochwertigen, einheimischen Rohstoffen auf traditionelle Weise Lebensmittel her, die später in den Regalen der besten Gourmet-Geschäfte der Welt stehen.

Das Essen ist den Iren wichtiger geworden, und die Köche tragen diesem Trend sehr gerne Rechnung. Ein Restaurant, das sich mit Liebe den Produkten der einheimischen Produzenten annimmt, ist das Nash 19 an der Princes Street in Cork. Die «local producer taster plate», unter anderem mit geräuchertem Lachs, Krabben-Kuchen, Ziegenkäse, geräuchertem Käse und Gubbeen Chorizo, lohnt sich bereits für einen Besuch.

> Restaurant Nash 19

Nur ein paar Schritte von Claire Nash’s Beiz entfernt, befindet sich die wunderbare Markthalle von Cork. Für viele ist das der schönste und beste überdachte Markt Irlands. Ebenfalls einen Besuch wert ist die Räucherstube von Frank Hederman. Zwar ist dies kein Restaurant, aber Frank räuchert etwas ausserhalb von Cork den besten Lachs der Insel. Und wenn wir schon bei den Superlativen sind: Die Ballymaloe Kochschule ist eine der berühmtesten, die es gibt.

> Markthalle Cork
> Räucherstube
> Kochschule

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