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Geheimnisvolle

Unterwelt

Grossmacht in dem Mittelmeerraum Vallettas

2018 ist Valletta europäische Kulturhauptstadt. Nirgendwo steigt man tiefer in die Menschheitsgeschichte als in Maltas Grotten, Katakomben und geheimnisvollen unterirdischen Tempeln. Kulturschätze, die den Strand vergessen lassen.

Im Reich der dicken, schlafenden Dame herrscht Totenstille. Spärlich flackert Licht in ihrem düsteren Tempel, erhellt an die Decken gemalte Spiralen in dunklem Rot. Es riecht nach jahrtausendealtem Moder dem Atem eines soeben geöffneten Sarkophags.

Als der Jesuitenpater und Archäologe Manwel Magri 1903 zum ersten Mal ins Hypogäum von Hal Saflieni eindrang, stand er auf meterhohen Schichten von vor Urzeiten begrabenen Knochen. Das Licht seiner Öllampen erhellte eine Welt, die jedem Altertumsforscher die Luft nehmen musste. Mit jeder Stufe steigt man in Maltas Hypogäum mehr als hundert Jahre tiefer in die Menschheitsgeschichte, bis man irgendwann vor dem Allerheiligsten steht. So nennen Prähistoriker die rätselhafte Kammer neben der zentralen Halle der drei Stockwerke tiefen Tempelanlage. Sie ist älter als Ägyptens Pyramiden und mutet wie ein unterirdisches Stonehenge an.  Zwischen den Überresten von mehr als 7000 wahrscheinlich rituell bestatteter Toten findet sich ein winziges Figürchen. Die zwölf Zentimeter lange Alabasterskulptur zeigt eine dicke Dame, die auf ihrem Bettchen schlummert, die mächtig breite Hüfte dem Betrachter zugedreht, den einen Arm unterm Kissen vergraben, auf dem ihr zierliches Köpfchen ruht, den anderen vor die prallen Brüste gelegt. So schläft das dicke Steinzeit-Dornröschen seit mehr als 5000 Jahren.

Maltas «Sleeping Lady» ist heute ein Nationalheiligtum. Sie gilt als die berühmteste von einer Reihe an Skulpturen aus den neolithischen Tempelanlagen der Mittelmeerinsel. Oben in den Gassen Vallettas ist die Göttin aus der Unterwelt der gleissenden Mittagssonne ausgesetzt und hält ihre Siesta in unzähligen Souvenirshops. Wäre sie jemals aus ihrem Schlaf erwacht, was würde sie staunen über die prächtigen Bauten ihrer Insel, die kühnen Festungsanlagen, die sich aus dem Meer erheben, die engen Strassenschluchten mit den stolzen Stadtpalästen, die barocken Deckengemälde der Kathedralen. Über die Jahrtausende strebte die Geschichte des Mittelmeers in Malta in unzähligen Schichten dem Himmel entgegen, hinterliessen Punier, Karthager, Römer und Byzantiner ihre Tempel und Bastionen, die von Arabern, Normannen und Osmanen und schliesslich von den prachtvollen Kirchen des Malteserordens überbaut wurden. Karl V. übergab den kunstbeflissenen Rittern 1530 die Inseln Malta und Gozo. Aufgrund seiner strategischen Lage im Zentrum des Mittelmeers nahmen die Weltreiche nacheinander den Inselstaat ein und drückten ihm ihren Stempel auf. Kaum eine Grossmacht in der Geschichte des Mittelmeers hat sich nicht in der Kultur und Tradition Maltas verewigt. Allein die geheimnisvolle Kultur seiner allerersten Bewohner schien über Jahrtausende in Vergessenheit geraten zu sein.

Priesterin oder Fruchtbarkeitsgöttin?

Wer aber war die kleine dicke Dame aus dem Hypogäum und wer schuf sie? War sie eine Fruchtbarkeitsgöttin oder eine Priesterin, ein Symbol für den ewigen Schlaf? «Welche Bedeutung die Frauenfiguren hatten, ist schwer zu beantworten», sagt der Prähistoriker und Archäologe Reuben Grima von der Universität Malta. «Die Schlafposition wird häufig als Symbol für den Tod oder das Jenseits gedeutet. Da die Figur so klein und handlich und auch die Unterseite ihres Betts dekoriert ist, sollte sie wohl tragbar und mobil sein.» Womöglich wechselte die schlafende Dame mehrmals ihr Gemach. Ihre Geheimnisse hat sie wohl für immer mit in ihr Grab genommen. Das Hypogäum ist die einzige nahezu vollständig erhaltene Tempelanlage der Jungsteinzeit und seit 1980 UNESCO-Weltkulturerbe. Ob das unterirdische Labyrinth eine Opferstätte oder ein geweihter Bestattungsort war, und was genau dort zwischen 3800 und 2500 vor Christus, also noch vor dem Bau der Pyramiden von Gizeh, vor sich ging, darüber rätseln Archäologen bis heute.

Nirgendwo steigt man tiefer in die Frühzeit als in Maltas Grotten, Katakomben und geheimnisvollen unterirdischen Tempeln.  Wer Maltas jahrtausendealter Geschichte auf den Grund gehen will, lässt Sonnenhut und Strandtuch im Hotel und taucht ab in seine legendenumwobenen Unterwelten, welche die Menschen schon in der Ur- und Frühgeschichte magisch anzogen. Glaubt man den Einheimischen, wohnte schon Kalypso unter der Erde von Maltas Nachbarinsel Gozo. Laut Homer hielt die «hehre und schöngelockte » Meernymphe den schiffbrüchigen Odysseus sieben Jahre lang in ihrer Grotte, bis der Götterbote Hermes den Abenteurer ihrem Bann entriss. Über dem Eingang von Kalypsos Grotte auf Gozo, einem schwarzen Loch zwischen hellen Kalksteinfelsen, wuchert Gestrüpp. Von den Felsen am Steilufer blickt man weit über die Bucht von Ramla bis fast nach Sizilien. Die Meerbrise verteilt den betörenden Duft von Kamille und wilden Kräutern, Zikaden surren. Dieser Ort hält einen in seinem Bann.

Michelangelo im Exil

Neben dem Eingang der Grotte weist ein in die Jahre gekommenes Schild darauf hin, dass die Höhle aus Sicherheitsgründen für Besucher nicht zugänglich ist. Kalypso hat vorerst ihre Ruhe. Nur eine kurze Wanderung von der Grotte entfernt, steht dafür Gozos berühmtestes Bauwerk, der mehr als 5500 Jahre alte Ggantija-Tempel, von dem man früher erzählte, Riesen hätten die Felsblöcke aufeinander gestapelt. Mit Homers Odyssee erhielt Europa eine seiner einflussreichsten Dichtungen. Und noch ein anderer Schiffbrüchiger auf der kleinen Insel Malta formt die Vorstellungswelt eines ganzen Kontinents und bald auch einer Weltreligion. Die Apostelgeschichte berichtet, dass Paulus auf seiner Reise nach Rom auf Malta strandete. Nur unweit der hübschen, ehemaligen Hauptstadt Mdina mit ihren engen mittelalterlichen Gassen und der prachtvollen barocken Kathedrale steht auf den Ruinen der alten römischen Stadt Melita das heutige Rabat. Unter der St.-Pauls-Kirche führt eine Treppe hinunter in ein Labyrinth aus schmalen Gängen und düsteren Grabkammern. Etwa 1400 Malteser sollen hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Die Katakomben werden von den Einheimischen verehrt als der Ort, wo der Legende nach Paulus festgehalten wurde, bevor man ihn nach Rom weiterschiffte.

Das obskure Barockgenie Michelangelo Merisi da Caravaggio floh 1606 als Meistermaler der Kardinäle aus Rom nach Malta, nachdem er bei einer Strassenschlägerei den Sohn des Kommandanten der Engelsburg mit einem Schwertschlag niedergestreckt hatte. In seinem Inselexil wurde er von den Rittern des Malteserordens als einer der ihren aufgenommen. Mit zwei seiner bekanntesten Gemälden, der Enthauptung Johannes des Täufers und Der Heilige Hieronymus erreichte Caravaggio auf Malta einen Höhepunkt des Chiaroscuro, seiner dramatischen Hell- und Dunkelmalerei. Seine Meisterwerke hängen nun als Kunstheiligtümer in Vallettas St. John’s Ko-Kathedrale. Nur ein paar Schritte von der kleinen dicken Steinzeit-Dame entfernt. Sie hat im Archäologischen Museum ihre letzte Stätte gefunden und kann dort nun in Ruhe ausschlafen. WSC

Direktflug nach Malta

Air Malta und Swiss fliegen mehrmals wöchentlich direkt ab Zürich und Genf nach Malta. Die Flugzeit beträgt et was mehr als zwei Stunden.

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